Tod eines Handlungsreisenden

Juli 1st, 2011

Work a lifetime to pay off a house — You finally own it and there’s nobody to live in it.
(Willy Loman, Arthur Miller’s Death of a Salesman)

Lange, lange, ist’s her dass ich im Theater war, dürfte im Winter 2009 gewesen sein; entweder war’s “6 and the city (4!)“, vielleicht aber auch “Der Tod ist auch nur ein Mensch“. Zum sehr berühmten “Tod eines Handlungsreisenden”, das Arthur Miller einen Pulitzer-Preis einbrachte, ging’s gleich auch noch in eine neue Spielstätte, das “Nord”; da das Schauspielhaus momentan generalsaniert wird, gibt es einige neue Spielorte, neben dem Nord noch 4 Spielorte in der “Niederlassung Türlenstraße”. Das Depot ist leider keine Spielstätte mehr:

Gleichzeitig nehmen wir am Löwentor ein neues Probengebäude mit modernen Arbeitsräumen für die einzelnen Inszenierungen in Betrieb und eröffnen im Dezember eine neue Spielstätte – das NORD. Die neue Bühne für 150 Zuschauer wird über die Interimsphase hinaus an unsere bisherige Theaterarbeit im DEPOT anknüpfen. Mit der Erinnerung an intensive und berührende, an begeisternde und aufregende Inszenierungen, verlassen wir das DEPOT und laden Sie ein, uns vom Stuttgarter Osten in das NORD zu begleiten

Das war jedenfalls das erste Mal dass ich überhaupt mit der U15 bei Tageslicht gefahren bin, zumindest über Milchhof etc.; normal nehme ich die nur vom Theaterhaus nach Hause und da ist es dann doch bisher immer dunkel gelesen. Am Löwentor war ich zu Fuß auch noch nie gewesen, aber da einige Menschen die gleiche Bahn genommen hatten und offensichtlich auch ins Theater wollten bestand keine Gefahr sich zu verlaufen.


Das Nord

Vom Raum her war’s relativ ähnlich wie das Depot, die Bühnenaustattung war relativ schlicht aber vollkommen ausreichend. Ich habe vorher noch keine Darbietung des “Handlungsreisenden” gesehen, aber ich denke die Interpretation war nicht zu abstrus, sie war jedenfalls gut verständlich. Das Bühnenbild bestand im wesentlichen aus dem Haus der Lohmanns – Fassade vorne, Gerüst nach hinten, das je nach Szene von vorne oder hinten gezeigt wurde; daneben standen noch Symbole für die USA beziehungsweise den amerikanischen Traum auf der Bühne. Mir hat’s auf jeden Fall gefallen, nicht zuletzt weil zwischendurch Bonbons ins Publikum geworfen wurden. ;) Das Axolotl, Stulip und ich genehmigten uns dann nach der Vorstellungen noch ein Viertele – Kenner trinken Württemberger – hielten uns aber beim Publikumsgespräch lieber raus (erste Frage: “Wie sind Sie eigentlich so ein guter Schauspieler geworden?”). Demnächst ist ja schon Sommerpause, insofern muss ich sputen wenn ich vorher nochmal ins Theater will.

Es kamen mehrere Umstände zusammen

November 14th, 2009

Wenn ich im Theater nicht in Höchstform bin – geistig frisch, ausgeruht, kerngesund – wird’s oft schwierig der Handlung zu folgen, vor allem wenn das Stück dazu eine nicht-triviale Anstrengung erfordert. Genau so war’s bei Stalker, einer Adaption des gleichnamigen Filmes. Ich war ein bisschen krank, leicht müde und schon etwas geschlaucht vom Kickers-Spiel gegen Reutlingen, anschließendem Bundesliga-Konferenz schauen und Bummel über diese Eisbahn-Veranstaltung am Schlossplatz (0,4l Weizen 4,50€: liebe Leute, ihr spinnt!). Witzigerweise war auch das Theater eine einzige Hustenveranstaltung, aus jeder Ecke wurde mal gebellt und geschnupft.

Danach dachte ich, wenn ich mir den Wikipedia-Artikel anschaue, werde ich schon wissen was ich verpasst habe und das Stück verstehen, aber erstaunlicherweise hatte ich doch alles mitbekommen, trotz Müdigkeit, angenehm abgestandener Luft und der relativ langen Spielzeit von über 2:00 ohne Pause. So ganz verstanden habe ich die tiefere Aussage hinter dem Stück allerdings trotzdem nicht, für sowas bin ich glaube ich einfach nicht schlau genug. Die Wikipedia-Seite bringt einen auch nicht weiter, vielleicht hilft’s ja, den Film anzuschauen.

Sebastian S. macht sich ein Bild

Juli 12th, 2009

Zum Abschluss des Theatermarathons gab’s “Sebastian S. macht sich ein Bild”, von und mit Sebastian Schwab, den ich das erste Mal in “Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot” gesehen habe.

Auf der Bühne steht nur ein Klavier und ein Stuhl und Sebastian S. versucht, ein Musikvideo für seine Ex-Freundin aufzunehmen. Diese hat ihn verlassen, wollte sich aber nochmal mit ihm treffen, was aber nicht geklappt hat. Ebenso wenig klappt das Einspielen des Videos, und so gerät Sebastian S. ins erzählen: über sein erstes Mixtape (gekrönt von den Counting Crows mit “Long December”, eine Fahrt mit seinem besten Freund nach Paris, um dessen Freundin zu überraschen – Resultat: “das ist wie Champagner nach Paris tragen” -, Sylvester in Liverpool (da ist mir erstmal aufgefallen, dass das Lied “Ferry, cross the Mersey” heißt, und nichts mit Feen zu tun hat) und vieles mehr. Und über Kleinigkeiten, die in einem Moment total wichtig erscheinen und später schnell wieder vergessen werden, wie die Geschichte über “OK Computer” und den Aufkleber aus selbiger CD erzählt, der sehr wichtig war und dann, als er total vergessen war, zufälligerweise bei einer Freundin auftauchte – in genau der Green Day-CD, in der Sebastian ihn im Plattenladen versteckt hatte.

Die Erzählung wird immer mal wieder von Musik unterbrochen, die Sebastian S. am Klavier spielt – und am Ende sogar mit dem Orchester der Staatsoper, zu dem er während des Stückes mit dem Taxi fährt – chauffiert übrigens von Josef Hader. Wie schon “Ein paar Leute…” sehr sehenswert und eine tolle Leistung von Sebastian Schwab. Auch das Ende, mit dem eingespielten Video von der Fahrt zum Orchester ist sehr gut, ebenso wie die Einspielung seines Liedes (das man vielleicht aus der Zugabe von “Ein paar Leute…” kennt) mit dem Orchester. Also, auf jeden Fall anschauen, heute Abend zum Beispiel um 20:00 im Depot.

6 and the city 3

Juli 11th, 2009

Am Mittwoch gab’s mit 6 and the city 3 den zweiten Teil meines dreitägigen Theatermarathons. “6 and the city” wird im Stuttgarter Fernsehturm aufgeführt und zeigt sechs Stücke verschiedener Autoren die mehr oder weniger mit Stuttgart zu tun haben. Die Sitzanordnung ist ganz lustig, denn auf Grund der Rundung des Fernsehturms ist die Bühne in der Mitte und die Sitzreihen sind jeweils seitlich davon. Zu Beginn, als ich aus dem Lift stieg, gab’s noch ein Weinglas für das erste Stück, dann suchte ich mir einen Platz und schaute ein bisschen auf’s verregnete Umland.

“Essen mit Freunden”, das von Walter Sittler geschrieben erste Stück, ist eine Art Dialog eines Schauspielers mit den Besuchern, die “Freunde” sind, die er zum Essen eingeladen hat. Er erzählt von seinen Vobereitungen, dem Einkauf beim Metzger und dem schlecht entkorkbaren Wein, der unter die Zuschauer ausgeschenkt wird. Sehr cool gemacht und auch toll gespielt, wirkte wirklich weniger wie ein Stück als wie eben eine Einladung, bei der Gastgeber etwas erzählt.

“Milky Sun” erzählt die Geschichte von 4 Freunden, die sich vor zehn Jahren auf dem Hertie-Parkhaus das letzte Mal gesehen haben und sich damals geschworen haben, sich genau zehn Jahre später wieder zu treffen. Vor dem Treffen machen zwei der Darsteller die Runde durch die Stadt: Neckarstadion, Mercedes-Museum, Feinkost Böhm, Lapidarium und so weiter.

“Apokalypse 21 oder die 3 Propheten” von Böller und Brot zeigt drei Alte, die sich vespernd über der Stadt über die neuen Zustände unterhalten: beim Bau von Stuttgart 21 ging etwas schief und der Kessel ist vollgelaufen, so dass man jetzt einen ordentlichen See hat. Durchaus amüsante Rollenverteilung zwischen den drei Darstellern (“die sehen aber gut aus die Maultaschen, dürft’ ich da mal ein Stückerl probieren?” ;) ).

In “entweder oder” von Sudabeh Mohafez streitet sich ein Pärchen über die Zukunftsplanung: er ist zwar Schwabe, will aber in Berlin bleiben, während sie – vorher in Lissabon wohnend – nach Stuttgart ziehen will. Ihm ist es zu spießig, sie findet es gut dass man dort (also hier ;) ) sein kann wie man will.

Trashig wurde es bei “Kehrwoche of the dead” von Naomi Fearn: mit Geräuschen aus Comicfilmen untermalt Kämpfen zwei Menschen, die sich vor den durch Stuttgart 21 aufgestandenen Zombies auf den Fernsehturm geflüchtet haben, um’s überleben. Amüsant gemacht, hat aber gerade den älteren Teil des Publikums glaube ich eher nicht angesprochen.

“Dramolett in fünf Akten” von Peter O. Chotjewitz zeigt, wie sich Familiengeschichte entwickelt: Erst ist die Sohn mit Freund da, dann ist sie schon schwanger und der Vater stirbt. Der Sohn bringt wiederum seine Freundin mit und heiratet, dann stirbt die (Groß-)Mutter und es endet als “Sprechoper” (das Wort habe ich von der Rampe-Seite, ich wüsste nicht wie ich das sonst beschreiben sollte…).

“6 and the city” ist auf jeden Fall uneingeschränkt empfehlenswert. Klar gefallen nicht jedem alle Stücke gleich, aber sehenswert waren sie auf jeden Fall alle. Am Donnerstag lief glaube ich leider die letzte Aufführung dieser Saison, nächstes Jahr geht’s dann also hoffentlich zu “6 and the city 4″.

Fuck you, Eu.ro.Pa!

Juli 9th, 2009

Zum Auftakt meines dreitägigen Theatermarathons war ich gestern zum ersten Mal im Theater Rampe. Eigentlich dachte ich, die Rampe sei im ehemaligen – und damit nicht mehr genutzten – Zahnradbahnhof, was aber nicht ganz stimmt. Es ist zwar der ehemalige Zahnradbahnhof (mittlerweile fährt die Zacke ja am Marienplatz ab), zum Schlafen kommt die Zacke allerdings in’s Foyer der Rampe gefahren, so passiert nach dem Ende des Stücks; die “Betreten der Gleise auf eigene Gefahr”-Schilder haben also durchaus ihre Berechtigung. Ansonsten schön dass ich die Rampe fußläufig in knapp mehr als 10 Minuten erreichen kann.

Fuck you, Eu.ro.Pa!” von Nicoleta Esinencu ist ein Stück über die postsozialistische Gesellschaft und den Verlust der Heimat in Moldawien. “Fuck you”, nicht mal mehr in ihrer eigenen Sprache fluchen kann die junge Moldawierin in ihrem Essay, den sie ihrem toten Vater hält. “Papa, ich muss dir etwas sagen…”, so beginnt sie immer wieder von neuem die Schilderung ihrer sozialistischen Kindheit und der verloren gegangenen Identität. “Fuck you, Eu.ro.Pa!” löste übrigens bei seinem Erscheinen heftige Kontroversen aus und musste für die Uraufführung in “Stopp, Europa!” umbenannt werden.

Ich fand’s sehr sehenswert, mit Snezhina Petrova wurde eine sehr gute Besetzung für die Rolle gefunden, die sogar rumänische Kettensägen gut nachmachen kann. ;) Auf’s anschließende Premierenessen verzichtete ich, da mir erstens nicht ganz klar war, wann es beginnen würde und ich zweitens alleine auch keine Lust hatte groß herumzustehen (Axel hatte abgesagt, weil er seine Tage Kopfschmerzen hatte). Nächstes Mal vielleicht, es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich in der Rampe war.