Sebastian S. macht sich ein Bild

Juli 12th, 2009

Zum Abschluss des Theatermarathons gab’s “Sebastian S. macht sich ein Bild”, von und mit Sebastian Schwab, den ich das erste Mal in “Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot” gesehen habe.

Auf der Bühne steht nur ein Klavier und ein Stuhl und Sebastian S. versucht, ein Musikvideo für seine Ex-Freundin aufzunehmen. Diese hat ihn verlassen, wollte sich aber nochmal mit ihm treffen, was aber nicht geklappt hat. Ebenso wenig klappt das Einspielen des Videos, und so gerät Sebastian S. ins erzählen: über sein erstes Mixtape (gekrönt von den Counting Crows mit “Long December”, eine Fahrt mit seinem besten Freund nach Paris, um dessen Freundin zu überraschen – Resultat: “das ist wie Champagner nach Paris tragen” -, Sylvester in Liverpool (da ist mir erstmal aufgefallen, dass das Lied “Ferry, cross the Mersey” heißt, und nichts mit Feen zu tun hat) und vieles mehr. Und über Kleinigkeiten, die in einem Moment total wichtig erscheinen und später schnell wieder vergessen werden, wie die Geschichte über “OK Computer” und den Aufkleber aus selbiger CD erzählt, der sehr wichtig war und dann, als er total vergessen war, zufälligerweise bei einer Freundin auftauchte – in genau der Green Day-CD, in der Sebastian ihn im Plattenladen versteckt hatte.

Die Erzählung wird immer mal wieder von Musik unterbrochen, die Sebastian S. am Klavier spielt – und am Ende sogar mit dem Orchester der Staatsoper, zu dem er während des Stückes mit dem Taxi fährt – chauffiert übrigens von Josef Hader. Wie schon “Ein paar Leute…” sehr sehenswert und eine tolle Leistung von Sebastian Schwab. Auch das Ende, mit dem eingespielten Video von der Fahrt zum Orchester ist sehr gut, ebenso wie die Einspielung seines Liedes (das man vielleicht aus der Zugabe von “Ein paar Leute…” kennt) mit dem Orchester. Also, auf jeden Fall anschauen, heute Abend zum Beispiel um 20:00 im Depot.

6 and the city 3

Juli 11th, 2009

Am Mittwoch gab’s mit 6 and the city 3 den zweiten Teil meines dreitägigen Theatermarathons. “6 and the city” wird im Stuttgarter Fernsehturm aufgeführt und zeigt sechs Stücke verschiedener Autoren die mehr oder weniger mit Stuttgart zu tun haben. Die Sitzanordnung ist ganz lustig, denn auf Grund der Rundung des Fernsehturms ist die Bühne in der Mitte und die Sitzreihen sind jeweils seitlich davon. Zu Beginn, als ich aus dem Lift stieg, gab’s noch ein Weinglas für das erste Stück, dann suchte ich mir einen Platz und schaute ein bisschen auf’s verregnete Umland.

“Essen mit Freunden”, das von Walter Sittler geschrieben erste Stück, ist eine Art Dialog eines Schauspielers mit den Besuchern, die “Freunde” sind, die er zum Essen eingeladen hat. Er erzählt von seinen Vobereitungen, dem Einkauf beim Metzger und dem schlecht entkorkbaren Wein, der unter die Zuschauer ausgeschenkt wird. Sehr cool gemacht und auch toll gespielt, wirkte wirklich weniger wie ein Stück als wie eben eine Einladung, bei der Gastgeber etwas erzählt.

“Milky Sun” erzählt die Geschichte von 4 Freunden, die sich vor zehn Jahren auf dem Hertie-Parkhaus das letzte Mal gesehen haben und sich damals geschworen haben, sich genau zehn Jahre später wieder zu treffen. Vor dem Treffen machen zwei der Darsteller die Runde durch die Stadt: Neckarstadion, Mercedes-Museum, Feinkost Böhm, Lapidarium und so weiter.

“Apokalypse 21 oder die 3 Propheten” von Böller und Brot zeigt drei Alte, die sich vespernd über der Stadt über die neuen Zustände unterhalten: beim Bau von Stuttgart 21 ging etwas schief und der Kessel ist vollgelaufen, so dass man jetzt einen ordentlichen See hat. Durchaus amüsante Rollenverteilung zwischen den drei Darstellern (“die sehen aber gut aus die Maultaschen, dürft’ ich da mal ein Stückerl probieren?” ;) ).

In “entweder oder” von Sudabeh Mohafez streitet sich ein Pärchen über die Zukunftsplanung: er ist zwar Schwabe, will aber in Berlin bleiben, während sie – vorher in Lissabon wohnend – nach Stuttgart ziehen will. Ihm ist es zu spießig, sie findet es gut dass man dort (also hier ;) ) sein kann wie man will.

Trashig wurde es bei “Kehrwoche of the dead” von Naomi Fearn: mit Geräuschen aus Comicfilmen untermalt Kämpfen zwei Menschen, die sich vor den durch Stuttgart 21 aufgestandenen Zombies auf den Fernsehturm geflüchtet haben, um’s überleben. Amüsant gemacht, hat aber gerade den älteren Teil des Publikums glaube ich eher nicht angesprochen.

“Dramolett in fünf Akten” von Peter O. Chotjewitz zeigt, wie sich Familiengeschichte entwickelt: Erst ist die Sohn mit Freund da, dann ist sie schon schwanger und der Vater stirbt. Der Sohn bringt wiederum seine Freundin mit und heiratet, dann stirbt die (Groß-)Mutter und es endet als “Sprechoper” (das Wort habe ich von der Rampe-Seite, ich wüsste nicht wie ich das sonst beschreiben sollte…).

“6 and the city” ist auf jeden Fall uneingeschränkt empfehlenswert. Klar gefallen nicht jedem alle Stücke gleich, aber sehenswert waren sie auf jeden Fall alle. Am Donnerstag lief glaube ich leider die letzte Aufführung dieser Saison, nächstes Jahr geht’s dann also hoffentlich zu “6 and the city 4″.

Fuck you, Eu.ro.Pa!

Juli 9th, 2009

Zum Auftakt meines dreitägigen Theatermarathons war ich gestern zum ersten Mal im Theater Rampe. Eigentlich dachte ich, die Rampe sei im ehemaligen – und damit nicht mehr genutzten – Zahnradbahnhof, was aber nicht ganz stimmt. Es ist zwar der ehemalige Zahnradbahnhof (mittlerweile fährt die Zacke ja am Marienplatz ab), zum Schlafen kommt die Zacke allerdings in’s Foyer der Rampe gefahren, so passiert nach dem Ende des Stücks; die “Betreten der Gleise auf eigene Gefahr”-Schilder haben also durchaus ihre Berechtigung. Ansonsten schön dass ich die Rampe fußläufig in knapp mehr als 10 Minuten erreichen kann.

Fuck you, Eu.ro.Pa!” von Nicoleta Esinencu ist ein Stück über die postsozialistische Gesellschaft und den Verlust der Heimat in Moldawien. “Fuck you”, nicht mal mehr in ihrer eigenen Sprache fluchen kann die junge Moldawierin in ihrem Essay, den sie ihrem toten Vater hält. “Papa, ich muss dir etwas sagen…”, so beginnt sie immer wieder von neuem die Schilderung ihrer sozialistischen Kindheit und der verloren gegangenen Identität. “Fuck you, Eu.ro.Pa!” löste übrigens bei seinem Erscheinen heftige Kontroversen aus und musste für die Uraufführung in “Stopp, Europa!” umbenannt werden.

Ich fand’s sehr sehenswert, mit Snezhina Petrova wurde eine sehr gute Besetzung für die Rolle gefunden, die sogar rumänische Kettensägen gut nachmachen kann. ;) Auf’s anschließende Premierenessen verzichtete ich, da mir erstens nicht ganz klar war, wann es beginnen würde und ich zweitens alleine auch keine Lust hatte groß herumzustehen (Axel hatte abgesagt, weil er seine Tage Kopfschmerzen hatte). Nächstes Mal vielleicht, es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich in der Rampe war.

Die Glasmenagerie

Juli 3rd, 2009

Mittwoch ist ja mein einzig freier Abend unter der Woche, an allen anderen ist Sport angesagt, am Donnerstag sogar doppelt. Also habe ich die Gelegenheit des freien Abends genutzt und war mit Axel mal wieder im Theater, genauer gesagt im Depot, wo Tennessee Williams “Die Glasmenagerie” gegeben wurde. Im Depot war ich zwar bisher erst ein Mal, aber als Spielort hat es mir damals schon sehr gut gefallen und nicht anders war es heute wieder – nur etwas arg warm es.

“Die Glasmenagerie” ist nicht ganz trivial, auch wenn nur 4 Personen vorkommen: die Familie Wingfield, bestehend aus Mutter Amanda, Sohn Tom und Tochter Laura sowie ein Arbeitskollege von Tom, Jim O’Connor. Die Handlung spielt im St. Louis der 30er Jahre: der Vater hat die Familie verlassen, Amanda träumt von ihrer Jugend in den Südstaaten, Laura lebt in ihrer eigenen Welt mit ihrer Glasmenagerie (einer Sammlung von Glastieren) und Tom muss die Vaterrolle spielen. Er arbeitet in einem Lagerhaus für Schuhe und flüchtet sich ins Kino und schließlich, am Ende des Stücks, genau wie sein Vater, vor der Familie und verschwindet. Amanda will Laura unbedingt verkuppeln und dazu wird Jim auserkoren, der zu einem völlig überstilisierten Essen eingeladen wird. Es stellt sich allerdings heraus, dass er bereits verlobt ist. Im Vergleich zur genauen Handlung des Stücks wurden einige Änderungen vorgenommen: die Glastiere werden zum Beispiel durch Aluminiumtiere repräsentiert (was aber nicht so schlecht funktioniert) und als Jim kommt vergewaltigt er gegen Ende des Abends Laura. Überhaupt war die schauspielerische Leistung sehr krass: während Tom erzählt, kommt einfach ein Typ (der eigentlich nicht vorkommende fünfte Schauspieler) mit Schlagzeugstöcken, trommelt auf den Blechkisten und sonstigem Inventar rum und klettert auf die Empore, auf der er fortan Musik macht. Amanda verschafft sich (nennt man das so?) einen Orgasmus, während sie ihren Telefonmarketing-Nebenjob durchführt und jongliert später mit dem Wäscheständer, Tom und Jim spielen in einem Umzugskarton Whirlpool. Wenn man das Stück nicht kennt war die Handlung nicht so ganz klar, trotzdem war’s interessant.

Danach ging’s über’s Mosquito – mit einer zu günstigen, aber trotzdem rauchbaren Zigarre – noch auf eine Absacker-Bier zu mir. Wieder was gelernt: auch wenn’s in der Flasche schon ausfällt, kann man’s noch trinken solange es schmeckt – es war ein Souvenirbier aus Ludwigshafen. Und bei “Homer goes to College” schmeckt’s sowieso gut. ;)

Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot

April 22nd, 2009

Eigentlich hatte ich das Jahr 2009 bisher als Kulturbanause zugebracht – dachte ich zumindest, bis mir letztens auffiel, dass ich ja im Januar immerhin schon mal im Theater war, in Strindbergs Fräulein Julie. Nachdem am Dienstag der Fußball-Kurs beim Hochschulsport ausgefallen war, entschloss ich mich, nach meinen Besorgungen noch ins Erdgeschoss zu gehen, wo “Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot” gegeben wurde. Das Erdgeschoss ist eine kleiner Bar auf der Theodor-Heuss-Straße mit einer noch kleineren Bühne. ;) Positiv feststellen konnte ich schon mal, dass es dort Newcastle Brown Ale gibt – günstig zudem auch noch, nur 3,50€ für 0,55l, auch vom Ambiente wirkt es so, als wäre es auch mal einen Besuch ohne Theater wert.

Ausgestatett mit Apfelschorle und Oliven konnte das Stück beginnen und das tat es auch recht fulminant. Sebastian Schwab irrwischt in “mindestens sieben verschiedenen Rollen” über die Bühne und macht das ganz fabelhaft: da ist Helge, der Barpianist, der immer mal wieder alte Frauen abschleppt – “wenn schon, dann wenigstens konsequent Scheiße bauen” – , seine Tochter Nora, die früher dick war und jetzt magersüchtig ist, seine Frau Vera, der Möchtegern-Rockstar Pit und Bettina und Tom. Allen ist gemeinsam, dass sie nicht wirklich wissen, was sie wollen, aber das, was sie haben, wollen sie nicht. “Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot”, das Erstlingswerk von Sibylle Berg, ist amüsant und tragisch zugleich und als One-Man-Show von Sebastian Schwab unbedingt zu empfehlen.

Schwab ist momentan auch in seinem ersten eigenen Stück, “Sebastian S. macht sich ein Bild” im Depot zu sehen; das werde ich mir auf jeden Fall nicht entgehen lassen.