Projekt 52.2011.29: Jorge Semprún – Der zweite Tod des Ramón Mercader
November 24th, 2011Die Handlung von Der zweite Tod des Ramón Mercader, Semprúns drittem Romand, der 1974 als zweiter seiner Romane auf Deutsch erschien, ist Semprún-typisch sehr komplex und verwoben, deshalb bemühe ich den Klappentext zur Inhaltsangabe, wobei ich gestehen, muss dass ich mir nach zweimaligem Durchlesen desselben dachte: “hmm, hab ich immer noch nicht verstanden, fange ich einfach mal an zu lesen”.
Ramón Mercader, dessen geheimnisvoller zweiter Tod hier erzählt wird, steht zu Beginn der Handlung vor dem Gemäde »Ansicht von Delft« von Jan Vermeer, in dessen Idyllik er fliehen möchte, um den tödlichen Gefahren der realen Welt zu entkommen.
Als Ramón Mercader auf dem Flughafen von Amsterdam landet, ist er bereits in ein Netz geraten, aus dem er lebend nicht mehr herauskommen wird, so geschickt er auch versucht, seine Verfolger abzuschütteln. Warum wird er verfolgt?
Ramón Mercader hieß der von Stalin gedungene Trotzki-Mörder. Aber er ist nicht der Titelheld. Auch der Ramón Mercader, um den es hier geht, hat diesen Namen nur angenommen. So hieß ein spanisches Waisenkind, das im Spanischen Bürgerkrieg alle Verwandten verloren hatte. Es wurde in die Sowejetunion evakuiert, wo es bei einem Bombenangriff umkam.
Als es 1956 zu Repatriierungsverhandlungen zwischen Franco-Spanien und der Sowjetunion kommt, schleusen die Russen mit den heimkehrenden Spaniern einen Geheimagenten ein. Unter dem Namen des toten Kindes Ramón Mercader schicken sie den russischen Juden Jewgenij Ginsburg nach Spanien. Da außer einer alten Tante alle Verwandten gestorben sind, wird niemand an seiner Identität zweifeln. Er heiratet eine Spanierin und wird stellvertretender Direktor einer spanischen Import-Export-Firma, die Handel mit dem Ostblock treibt. Unter diesem Deckmantel baut er ein sowjetisches Geheimdienstnetz auf. Eines Tages wird er entlarvt, weil ein Agent aus der Führungsspitze des sowjetischen Geheimdienstes zur Gegenseite übergeht. Mercader merkt jedoch, daß er vom CIA überwacht wird, und versucht unauffällig mit der Zentrale Verbindung aufzunehmen. Das kann er nur in Zürich oder in Amsterdam, und diese einzigartige Stadt mit ihren Grachten und Kanälen, ihren indonesischen und spanischen Lokalen, ihren Prostituierten, die in Häusern aus dem 17. Jahrhundert hinter Schaufenstern sitzen, diese Stadt also wird zum Schauplatz eines atemberaubenden Wettlaufs mit der Zeit, bei dem am Schluß weder der KGB noch der CIA irgendeinen Vorsprung gewonnen haben: Ramón Mercader wird im vornehmen Hotel Amstel ermordet (der CIA täuscht einen Selbstmord vor), ein CIA-Agent wird mit seinem Auto tot aus einem Kanal gefischt. Mercaders Frau in Spanien ,die nichts von der Tätigkeit ihres Mannes ahnt, wird unschuldig in die Affäre verwickelt und stirbt auf der Flucht vor zwei CIA-Beamten.
So viel zur Rahmenhanldung. Als ob das nicht genug wäre, geht es im Kern, wie oft bei Semprún, um das Wesen des Kommunismus und was es heißt Kommunist zu sein. Wie man bereits an der Namenswahl sieht, wird auch die Ermordung Trotzkis und der Stalinismus thematisiert, wobei Semprún Teile der Handlung aus der Sicht des Trotzki-Mörder erzählt. Auch der Kampf gegen den Faschismus in Spanien, die Haft in Konzentrationslagern und die nachmalige Internierung der KZ-Häftlinge in sowjetischen Lagern wird thematisiert, natürlich nicht ohne Abweichunge zu Kunst und Literatur. Aus der Kunst stehen die “Ansicht von Delft” von Jan Vermeer und “Der Distelfink” von Carel Fabritius im Mittelpunkt, aus der Literatur Marcel Prousts À la recherche du temps perdu, denn Proust verwies dort auf die “Ansicht von Delft”, speziell auf “un petit pan de mur jaune”, “ein kleines Stück gelber Mauer”.
Der Kampf der Bolschewiken gegen Franco und gegen den Stalinismus wird am Beispiel des echten Ramón Mercaders, dessen Vater nach dem Fall der Republik erschossen wurde, und an Ginsburgs Vorgesetzten im Geheimdienst sowie einem Stasi-Mitarbeiter erzählt. Ushakow, Ginsburgs väterlicher Vorgesetzter, erzählt zum Beispiel die folgende Geschichte:
»Wir waren in der gleichen Zelle, der Vater Ginsburg und ich, mit einem Oberst der Roten Armee. Dieser Offizier war noch im Untersuchungsstadium, und er kam von den Verhören immer schwächer zurück, sein Körper nach Schlägen gebrochen, Hände und Gesicht von Folterungen gezeichnet. Eines Abends, als der Offizier von einem Verhör zurückkam, ist er in der Zelle zusammengebrochen. Er konnte sich nicht mehr rühren, und wir glaubten, daß er sterben würde. Da hat sich David Semjonowitsch Ginsburg die Pulsader aufgeschnitten, mit einem vom Bett abgeschlagenen Eisenstück; und er hat sein Blut in den Kübel fließen lassen. Später, als die Wache zur Abendinspektion die Tür geöffnet hat, hat er ihnen den Inhalt des Kübels ins Gesicht geschüttet und geschrien: Ihr wollt das Blut der Bolschewiki? Da habt ihr es! 24 Stunden später ist er deshalb erschossen worden. Er war so geschwächt, daß man ihn zur Erschießungsmauer tragen mußte.«
Georgi Nikolajewitsch schwieg. In diesem Augenblick hätte man den unhörbaren Atem von Millionen Toten hören können.
Semprún schreibt beeindruckend wie immer, die Verknüpfung der Rahmenhandlung mit den Figuren und deren Gedanken ist perfekt und die Referenzen und Anspielungen, die Semprún gibt, fast schon beängstigend. Auch die Behandlung des Trotzki-Mordes und der Entwicklung des Kommunismus im Allgemeinen ist äußerst interessant.







