Projekt 52.2010.19: Udo Wengst, Hermann Wentker – Das doppelte Deutschland. 40 Jahre Systemkonkurrenz

Das doppelte Deutschland ist ein hochinteressantes Buch, das in 15 Beiträgen die Systemkonkurrenz zwischen der BRD und der DDR erklärt. Im einzelnen geht es um

  • die Staatsgründungen und die Verfassungen beider deutscher Staaten,
  • den Anspruch auf die “deutsche Kulturnation”,
  • die Kontakte zwischen den Kirchen in West und Ost,
  • den Bau der Mauer, Abwanderung aus und Grenzsicherung der DDR,
  • die Rivalitäten in der Dritten Welt,
  • das Verhältnis zur Bildung,
  • die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur,
  • das Abtreibungsstrafrecht,
  • die Bewältigung der Ölkrise,
  • den UN-Beitritt,
  • Sport,
  • Künstler und Intelektuelle, speziell am Beispiel Wolf Biermanns und seiner Ausbürgerung,
  • Kredite für die DDR und deren Gegenleistungen und
  • den Fall der Mauer.

Eine sehr interessante Wahl an Beiträgen und äußerst informativ. Ganz ehrlich sind meine Kenntnisse über die DDR und das Verhältnis BRD-DDR eher beschränkt, aber einige Rahmenpunkte kennt man natürlich sowieso. Die folgenden Punkte fand ich aber besonders interessant.

Staatsgründung

In der Schule wurde uns die – chronologisch spätere – Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 als Reaktion auf die Gründung der BRD am 23. Mai 1949 vermittelt. Dies ist in der Form wohl nicht richtig, denn die SBZ hatte schon früh einen “Staatscharakter”, was wohl auch vor allem daran lag, dass es eben nur eine Zone unter zentraler Verwaltung war und nicht wie die spätere BRD drei verschiedene Zonen. Auch ein Gremium zur Verfassungsberatung wurde im Osten früher gegründet als im Westen.

Mauerbau

Dass die DDR durch Abwanderung ausblutete ist bekannt, weniger bekannt war mir, dass die gleichen Sprüche, die es auch gab als ich klein war (“Das Boot ist voll, “Wirtschaftsflüchtlinge”, …), schon für die Übersiedler von der DDR in die BRD verwendet wurden. History repeating…

Verhältnis zur Dritten Welt

Ich wusste gar nicht, wie stark sich die beiden Staaten auf die Dritte Welt konzentrierten. Die BRD saß dabei meist am längeren Hebel, oft ging es dann am Ende um Geldgeschenke oder Waffentransfers, wenn damit die Anerkennung der DDR verhindert werden konnte. Hochinteressant, Germany’s Cold War: The Global Campaign to Isolate East Germany, 1949-1969 scheint auf jeden Fall ein lesenswertes Buch zu sein.

Bildungspolitik

Das dreigliedrige Schulsystem, auch heutzutage durchaus stark in der Kritik stehend, stammt noch aus dem Kaiserreich. Die Alliierten versuchten zwar, dieses so genannte “Kastensystem” zu ändern, stießen aber auf erheblichen Widerstand in den Landesparlamenten und so setzte sich das dreigliedrige System fort. Die Einschätzung über Frauen an der Uni zeigt, welcher Geist in den 60er Jahren noch herrschte:

Die mit 21 Prozent geringe Studentinnenquote an den westdeutsche Hochschulen erschien der Mehrheit der Professoren noch als “viel zu hoch”. Das sei eine “unnütze Belastung der Universitäten”, zumal sowohl die “intellektuellen Fähigkeiten” als auch die “wissenschaftliche Phantasie” bei Frauen viel geringer und “abstraktes Denken”, ja “jedes Denken überhaupt” bekanntermaßen nicht ihre Sache seien. Warum sich Frauen überhaupt in die Hochschulen verirrt hatten, lag für die Ordinarien auf der Hand: Der Schwarm “bienenfleißiger” Studentinnen, der sich zurzeit an den Universitäten tummele, habe sich augenscheinlich gezwungen gesehen, die traditionsreiche Bildungsstätte als “standesgemäßen Heiratsmarkt” zu missbrauchen. Viele von ihnen seien eben einfach nicht hübsch genug, um auf normalem Wege einen Mann zu finden, so die Meinungen der Professoren.
(Wengst, Udo, Wentker Hermann: Das doppelte Deutschland. 40 Jahre Systemkonkurrenz. S. 148)

Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur

Die mehr oder weniger oft vorgebrachte Bemerkung, überspitzt formuliert wären in der BRD wären ja alle Nazis entlastet und wieder eingestellt worden während die DDR ihre Vergangenheit “sauber” aufgearbeitet habe, ist auch völliger Humbug. Einerseits ist die Aussage an sich grundlegend falsch, andererseits muss man sagen, dass die DDR vieles auf diesem Gebiet nur zur Schau gemacht hat, zum Beispiel auch hochrangige westdeutsche Personen in Abwesenheit zu verurteilen. Auch ist es wohl eine Tatsache, dass das MfS NS-Belastete lieber anwarb und für Überwachungsaufgaben benutzte als diese strafrechtlich zu verfolgen.

Abtreibungsstrafrecht

Dass das Abtreibungsstrafrecht (Stichwort ยง218 StGB.) nicht so ganz problemlos war und ist, wusste ich, aber die verschiedenen Entwicklungen in BRD und DDR sind doch durchaus interessant. Ebenso wie das Zitat von Monika Maron: “Befragt nach dem Bewahrenswerten in der DDR fällt mir – außer dem grünen Pfeil für Rechtsabbieger an der roten Ampel – einzig das Abtreibungsgesetz ein.”

Sport

Thomas Reithel nennt vier Gründe, warum sich die DDR so überaus erfolgreich in Sachen Sport zeigte:

  1. Eine äußerst effektive Infrastruktur für Talentsuche und Training.
  2. Bündelung der Kräfte auf spezielle Sportarten – kostenintensive Sportarten, vor allem Mannschaftssportarten wie Hockey, Basketball und Wasserball wurden deshalb an den Rand gedrängt.
  3. Wissenschaftlicher Einsatz inklusive Doping.
  4. Hohe Anreize für erfolgreiche Sportler.
  5. Das alles war aber so im Fußball nicht möglich und so bliebe das Sparwasser-Tor der einzig große Erfolg gegen die BRD.

    Wie gesagt, äußerst interessant und durchaus lesenswert für jemanden, der sich auch nur ein bisschen für die deutsch-deutsche Geschichte interessiert.

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