Projekt 52.2010.01: Kurt Drawert – Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte

Irgendwie weiß ich nicht so genau, was über Kurt Drawerts Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte sagen soll. Ist auch immer so eine Sache, mit Büchern die man nur aus Zufall aus der Bücherei mitnimmt, weil einen der Titel anspringt; aber so kann man wenigstens mal die ausgetretenen Pfade der gewohnten Literatur verlassen.

Drawert, geboren 1956 in Brandenburg, ist ein preisgekrönter Lyriker, Poetiker und Dramatiker und Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte sein erster umfangreicher Roman. Der Roman handelt von der DDR (“Deutschen Dermatologischen Republik”) und ihrem Zusammenbruch, erzählt von einem hasenschartigen, klumpfüßigen “Kaspar Hauser” (ich hätte da jetzt keine direkte parallele zu Kaspar Hauser gesehen, aber ich kenne die Geschichte auch kaum). Der Roman ist relativ verwirrend geschrieben, so richtig ist mir nicht klar geworden, wie Drawert die DDR beschreibt, eingeteilt in unterirdische Schuldbezirke, über denen sich, an der Oberwelt, die BRD befindet. Der Einstieg ist nicht leicht und der Roman sicherlich keine leichte Kost, aber sprachlich ein echter Hingucker. In bester Marcel Proust gibt’s teilweise über eine Seite lange Sätze, gespickt ist er mit durchaus feinen Worten und teilweise unglaublich abstrusen Formulierungen:

Eines Tages zu später Stunde klopfte es an meiner Zellentür, und wer, sagte ich zu dem kleinen grauen Lätzchen (oder war es eine Krawatte?), das von Feuerbach übrig geblieben war und über einer Stuhllehne hing, stand wie vom Himmel geschneit vor mir und weinte mir die Ohren taub? Tutti [alle männlichen Personen der DDR heißen im Roman einfach nur Tutti], wirklich übel in sich zusammengesunken, die Zähne kariös ruiniert und die im Blick toten Augen blutunterlaufen wie ein Steak frisch aus der Hüfte geschnitten.
(Seite 312)

Die letzte Formulierung ist ein Hammer, viele ähnlich gute kommen im Verlauf des Buches vor. Der Titel kommt übrigens aus folgender Passage:

Das heißt, jeder war stets beides, abgestorbener Winterast und Vogel, der darauf saß und den Zweig brechen hörte, glücklich im Unglück und vergnügt in der Verzweiflung geworden, geschlechtslos potent oder vernünftig verrückt oder lautlos sprechend oder tonlos rufend oder trocken weinend, sich selber so ungewiß, daß er noch seine Schatten für einen anderen hielt und ihn grüßte.
(Seite 102f)

Wie man sieht, nicht ganz trivial zu lesen, aber vom sprachlichen her äußert empfehlenswert.

P.S.: 3 Tage in KW 1 und schon das erste Buch durch (gut, ich geb’s zu, ich hab’s schon letztes Jahr angefangen, aber trotzdem!). :)

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