Projekt 52.2008.14: Edwin A. Abbott – Flatland: A Romance of Many Dimensions

Flatland stand schon lange auf meiner Leseliste, gefunden habe ich das Buch aber nur zufällig in der Zentralbücherei. Die Auflage, die mir vorliegt, zeigt vor dem eigentlichen Text von Flatland ein Vorwort des Physikers Alan Lightman. Lightman schreibt über den Autor Edwin Abbott Abott, sein Leben, seine Werke und die geschichtliche Einordnung des Buches; das Vorwort ist lesenswert und gibt einen guten Überblick über die genannten Punkte.

Abbott, der 1838 geboren wurde, wurde relativ schnell Rektor der Schule, an der er selbst unterrichtet wurde, und führte neue Fächer ein, wie zum Beispiel Chemie, vergleichende Sprachwissenschaft und englische Literatur. Mit 50 schließlich ging er in den Ruhestand um seiner Berufung, dem Schreiben, mehr Zeit widmen zu können. Er veröffentlichte Bücher über Shakespeare und Bacon sowie Texte über liberale Glaubensstandpunkte. Jedoch ist keines seiner ungefähr vierzig Bücher heute noch bekannt, abgesehen von Flatland.

Flatland, erschienen 1884 und damit ungefähr 100 Jahre vor der Erfindung der String-Theorie, beschreibt eine zwei-dimensionale Land, Flatland (auf deutsch “Flächenland”). In dieser Welt gibt es nur zwei Dimensionen und alle Vorstellungskraft ist auf zwei Dimensionen beschränkt – die Vorstellung von drei Dimensionen ist für die Bewohner der Ebene absurd und unvorstellbar. Es gibt keine Tiefe, nur Breite und Höhe; alle Bewohner der Ebene sind in der Form von Linien, Dreiecken, Vierecken, Fünfecken und höheren Polygonen – je höher die Zahl der Ecken, desto höher der Status.

Da in der Ebene immer nur eine Linie sichtbar ist, unabhängig von der aktuellen Zahl der Ecken eines Bewohners, müssen Figuren sich “fühlen”, um die Eckenanzahl zu erkennen. Das innere von Figuren ist nicht sichtbar, Regen kommt einfach aus dem Norden und in diese Richtung sind auch die “Dächer” der Häuser orientiert.

Flatland ist in zwei Hälften aufgeteilt. In der ersten beschreibt Abbott die Gesellschaft der Ebene, die sexistisch und elitär ist. Die Priester, annährend Kreise, regieren die Welt und je weniger Ecken ein Bewohner hat, desto schlechter ist sein Status. Frauen sind Linien und die unterste Schicht der Gesellschaft. Der liberale Abbott legt mit diesem Teil eine durchaus ansprechende Satire der damaligen, realen Gesellschaft vor, einschließlich Geburtsrecht, sozialen Aufstiegsmöglichkeiten und Eugenik.

Der zweite Teil beginnt mit dem Traum des Erzählers, eines Vierecks, in dem er “Lineland” besucht, in dem die Bewohner nur eine Dimension wahrnehmen können. Das Viereck lacht über die “Linelander”, da er weiß dass es zwei Dimensionen gibt. Später wird er von einer Kugel aufgeklärt, dass es in Wahrheit drei Dimension gibt. Er ist schlau genug, zu sehen, dass es wohl noch mehr Dimension gibt, doch selbst der dreidimensionalen Kugel erscheint die Vorstellung von vier Dimensionen absurd. Das Viereck versucht, seiner Mitbewohner die dritte Dimension zu vermitteln, scheitert aber und wird quasi für verrückt erklärt.

Zu der Zeit, als Abbott Flatland schrieb, galt auch die Vorstellung von vier Dimensionen in unserer Welt als absurd. Dreißig Jahre später erschien Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie und führte die Zeit als vierte Dimension ein – zwar eine andere Dimension, als Abbott die vierte Dimension in Flatland beschreibt, aber im Prinzip analog; was kurze Zeit vorher noch als absurd galt, war auf ein Mal Realität. Die Bedeutung von Abbotts Werk fasst Alan Lightman in seinem Vorwort sehr schön zusammen:

But Abbott, if we read him deeply, has challenged us to question more than our tenets of geometry and physics. If the very dimensionality of space is open to question, then what beliefs remain sacred? What else should we question? For example: Is there really a sharp division between animate and inanimate matter? Could human consciousness be some kind of collective phenomenon, even though each of us has the strong sensation of individual thoughts and minds?
(…)
I confess that I do not know how to ask these kinds of questions, or even what areas of thought they involve. I cannot conceive of a world with these possibilities. And that is the point. The inhabitants of Flatland could not conceive a third dimension. By definition, it is extremely difficult to imagine worlds outside of our own experience. For that, we are as likely to receive guidance from our artists and philosophers, as from our mathematicicans and scientists.

Wie Lightman schreibt: man muss solche Fragen nicht verstehen können, aber das Fragen und die Suche nach Antworten ist legitim, auch wenn sie a priori als abwegig erscheint. Flatland, auch gerade im Kontext seiner Zeit gesehen, ist ein Buch dass man gelesen haben sollte, allein um sich der Tatsache bewusst zu werden, dass das, was man physisch empfindet, nicht alles ist, was existiert, auch wenn man andere Tatsachen vielleicht nicht empfinden kann. Für mich 9 von 10 Punkten.

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Eine Antwort zu “Projekt 52.2008.14: Edwin A. Abbott – Flatland: A Romance of Many Dimensions”

  1. vipo sagt:

    sehr witziges buch, habs in der würzburger unibib zufällig mal gefunden.

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