Imam und Evangelikaler im Streitgespräch
Unter dem Titel “Imam und Evangelikaler im Streitgespräch” veröffentlichte die Stuttgarter Zeitung demletzt ein Interview zwischen Necati Sezgi, dem Imam der Wangener Mili Görüs-Moschee und dem evangelikalen Theologen Paul Murdoch. Wenn man das liest, fragt man sich auch, was die Aufklärung denn wirklich gebracht hat beziehungsweise ob sie überhaupt jemals stattgefunden hat.
Auf die Frage an Murdoch “Sind Ihnen die Predigten Ihrer Kollegen zu harmlos und zu angepasst?” sagt dieser:
“(…) Auf den Kanzeln ist der Gedanke, dass der Mensch ein Sünder ist, weitgehend abhanden gekommen. Kein Wunder, dass die Menschen keine Beziehung zu Gott aufbauen und keinen Sinn darin sehen, auf die Botschaft der Bibel zu hören.”
Für ihn mag das ja schlimm sein, dass sich aufgeklärte Menschen vielleicht weniger der Religion zuwenden als früher, als Atheist kann man es jedenfalls nur begrüßen, dass die Leute sich von dem Gewäsch über Gott und die Erbsünde nicht mehr begeistern lassen.
Sezgi zur selben Frage: “Im vergangenen Jahr ist eine Gruppe 13-jähriger Schüler zu uns in die Moschee gekommen. Ich fragte sie: was denkt ihr über Gott? Es war eine traurige Situation, weil mir die deutschen Kinder antworteten: wir haben uns darüber noch keine Gedanken gemacht. Es waren die muslimischen Kinder, die mir eine Antwort geben konnten.”
Witzigerweise sagt er “die deutschen Kinder” und “die muslimischen Kinder”. Freudsche Fehlleistung, von wegen Staatsbürgerschaft vs. Religionszugehörigkeit? Und sind wir mal ehrlich, ist es verwunderlich wenn sich ein nicht von den Eltern indoktriniertes Kind mit 13 Jahren noch keine tiefgreifenden Gedanken über Gott gemacht hat? Ich halte es ja an sich sowieso mit Richard Dawkins, der sinngemäß sagt, dass es keine muslimischen (oder anderweitig religiösen) Kinder gibt, sondern nur die Kinder muslimischer (oder sonstwie religiöser) Eltern. Es wäre natürlich ein Traum, wenn ein 13-jähriges Kind mit dem Imam eine Diskussion über Gott und Religion anfangen würde, aber das würde eigentlich eine atheistische Indoktrination voraussetzen und das kann ich dann auch nicht gutheißen.
Weiter im Text, die nächste Frage lautet “Worauf führen Sie diese Unkenntnis unter den deutschen Kindern zurück?”. Die Frage an sich ist schon daneben, denn was heißt denn Unkenntnis wenn man von irgendwelchen Fantasiekonzepten nichts weiß, ich frage die Kinder ja auch nicht nach dem Spaghettimonster? Szegins Antwort: “Das deutsche Bildungssystem leistet zu wenig bei der religiösen Erziehung” – äh, nein, das deutsche Bildungssystem wird dir hoffentlich keine bedingungslos Gläubigen zuführen, weder dir noch sonst einer Religion. Kaum besser schneidet Murdoch bei dieser Frage ab: “Die Ursache liegt woanders. Wir werden individualistisch erzogen – Familie, Nation und Religionszugehörigkeit spielen bei uns eine weit geringere Rolle als in der islamischen Welt. Ich habe jungen Menschen in Pakistan eine ähnliche Frage gestellt. Wer oder was bist du? Da kommt als Erstes: ich bin Moslem. Wenn ich meine Konfirmanden frage, dann lautet die erste Antwort: ich bin die Sarah oder ich bin der Tim. Erst ganz am Ende sagen sie: ich bin Christ.” Klar, da ist der Christ natürlich neidisch, aber von meinem Standpunkt aus sind die Kinder zurecht erstmal Individuen. Die Religion kommt gerne irgendwann wenn jemand sich so definieren will, aber sicher nicht an erster Stelle. Und ob es Sinn macht, die Nation da weit vorne gesetzt zu wissen, ist auch eher fraglich.
Die Beantwortung der nächsten Frage ist sogar noch witziger: “Also ist das, was vor 1400 Jahren geschrieben wurde, heute genauso gültig – losgelöst vom Zeitkontext?” – Sezgin: “Der Koran ist eine göttliche Botschaft. Weil es Gottes Sätze sind und Gott weiß, was später passieren wird, sind sie zu jeder Zeit gültig” – äh, klar. Sicherlich. Was an dieser Aussage alles komplett blöd ist schreibe ich jetzt mal nicht auf, aber glaubt der Mann das wirklich? Okay, eins dazu: Gott wusste ja schon immer, das Schweinfleisch hochtoxisch ist und die Wissenschaft hat es jetzt belegt.
Ebenfalls interessant ist die Frage nach Islam und Grundgesetz: “Was sagt uns denn der Koran über das Verhältnis von islamischer Rechtssprechung und Grundgesetz? Welche Instanz bewerten Sie höher?” Dazu Sezgin: “Aus meiner Sicht widersprechen sich die Gesetze nicht. Die Menschenrechte garantieren uns unserer Religionsfreiheit und wir respektieren die deutschen Gesetze”. Soweit richtig. Nächste Frage, “Wenn Sie die deutschen Gesetze und Pflichten achten, dann empfehlen Sie den Mädchen Ihrer Gemeinde sicher, am Schwimmunterricht teilzunehmen”, woraufhin Sezgin antwortet “Nein, ich rate Ihnen davon ab. Ich halte mich an den Koran und der sagt nun einmal, dass sich eine Frau vor fremden Männern nicht zeigen darf. Da im Schwimmunterricht die Gefahr besteht, dass Männer die Mädchen zu Gesicht bekommen, kann ich nicht zu einer Teilnahme raten”. Wie war das nochmal mit der Vereinbarkeit? Okay, ging ja nur ums Grundgesetz und da steht die Schulpflicht nicht drin, nur in den Landesverfassungen. Wem er damit aber sicher keinen Gefallen tut ist das Kind, das sich aufgrund eines oktroyierten Glaubens von diversen schulischen Veranstaltungen, sei es Schwimmuntericht, Sexualkundeunterricht oder Klassenfahrten, fernhalten muss.
Etwas später kommt die Frage auf “Wie stehen Sie zu einer Ehe zwischen einem Christen und einer Muslimin?”. Sezgin antwortet “Im Islam hat der Mann viel mehr Rechte und Pflichten als die Frau, der Mann hat auch in der Familie eine verantwortungsvollere Rolle”. Okay, ganz langsam. Grundgesetz und Koran sind vereinbar, aber der Mann hat mehr Rechte (!) als die Frau? Hmm, ja, ja, passt ja auch – fast. Dass er Ehen zwischen muslimischen Frauen und christlichen Männern ablehnt, weil die Frau sich da eventuell nicht ihrem Glauben hingeben kann und es nicht sicher ist, ob die Kinder Muslime werden, findet man bei den sonstigen Äußerungen fast noch harmlos, was erschreckend genug ist.
Was natürlich auch nicht fehlen darf: die Standardaussage von Muslimen, “Da werden Verse aus dem Koran herausgerissen und nicht im Zusammenhang gelesen” – im Zusammenhang ist ja alles gut, das kennt man ja. Wie sich der Zusammenhang genau definiert ist natürlich ein Geheimnis.
Das nimmt hier langsam überhand, denn ich könnte leicht das ganze Interview hier posten und mich fragen “ticken die beide noch ganz richtig”, aber zwei Fragen muss ich noch ansprechen. Die erste bezieht sich auf die Sprachkenntnisse von Sezgin, die zweite geht im wesentlichen in die gleiche Richtung. Frage: “Herr Sezgin, wir möchten Ihnen einige private Fragen stellen. Sie leben seit acht Jahren hier und sprechen kein Deutsch. Ist das eine gute Voraussetzung für den Imam einer deutschen muslimischen Gemeinde?” – Antwort: “Wenn Sie mir eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis besorgen, lerne ich morgen Deutsch. Im Moment aber bin ich gezwungen, alle drei Monate wieder auszureisen, deshalb lebt auch meine Familie bis heute in der Türkei. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich hier willkommen bin”. Selten so gelacht, mit den Ansichten heiße ich ihn sicher nicht in Deutschland willkommen. Und wenn eine dreimonatige Genehmigung, die er immerhin schon zweiunddreißig Mal erhalten hat, kein Ansporn ist, Deutsch zu lernen, was ist dann von der Integrationsbereitschaft zu halten?
Deutsch muss er aber seiner Meinung nach auch nicht können; Frage: “Sie leben sporadisch in Stuttgart und kennen das hiesige Bildungssystem nicht. Wie können Sie hier geborenen Kindern den richtigen Lebensweg weisen?”. Kann er nicht. Achso, das hat er ja gar nicht gesagt, seine Antwort war: “Ich lasse mir von den Schülern in meiner Gemeinde die Situation schildern, dadurch habe ich ein umfassendes Bild von Deutschland. Und die Mitglieder meiner Gemeinde wissen, dass die Regeln des Islam unabhängig von Ort und Zeit gültig sind. Was ich ihnen predige, ist ein friedlicher Islam”. Nochmal, wie war die Vereinbarkeit des Islam mit dem Grundgesetz? Wohl doch nicht so gut wie geschildert, nur um nochmal die Ungleichheit von Mann und Frau anzuführen. Und ob man das Bildungssystem vom Hörensagen so gut kennen lernt ist auch fraglich, aber so muss man immerhin nicht mal Deutsch lernen.
Auch wenn es den Eindruck hat, dass ich vielleicht einseitig über die Muslime herziehe: ich halte von beiden Religionen – also Christentum und Islam – genau gleich viel, nämlich nichts. Witzigerweise wirkt der Christ im Vergleich zum Muslim aber wie Verkörperung der Aufklärung, von einigen Aussagen mal abgesehen, auch wenn sich im Prinzip beide nichts nehmen. Wo die mangelnde Integrationsbereitschaft in Deutschland herkommt, braucht man sich nach solch einem Interview auch nicht mehr zu fragen. Immerhin machen Urteile wie dieses aus Düsseldorf (“muslimische” Kinder müssen am Schwimmunterricht teilnehmen) Hoffnung, dass unser Staat irgendwie doch säkular ist und bleibt.
Tags: Christentum, Islam, Religion
08. Mai 2008 um 10:16
hallo, dein bis jetzt (meiner meinung nach) bester blogeintrag. hat mir (obwohl katholik) sehr gut gefallen!
08. Mai 2008 um 10:24
Danke.